Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Bildern, die uns unmittelbar berühren – wie alte Bekannte, die wir in uns tragen, ohne genau zu wissen, woher wir sie kennen oder was sie uns bedeuten. Bilder, in denen wir Sinn erfahren, manchmal als Gewissheit, manchmal als Frage. Ich möchte vertraute Bilder für neue Erfahrungen öffnen. Mein Ziel ist es, in einem offenen, morphogenetischen Feld zu malen.
Was geschieht eigentlich in einem Bildraum? Was sehe ich, wenn ich male? Und was ereignet sich zwischen einer Farbe, einer Bewegung meiner Hand und dem Bild, das allmählich entsteht?
Das Herz hat zu tun. Es pumpt das Blut nach oben, wo es aus Rokokobrunnen schöne Fontänen zeitigt.
Ich schaue dem Schicksal eines Wegerichs zu, der der strengen Gärtnerseele nicht entkam und dessen verstreute Blüten den Wegrand säumen. Du kannst niemanden darüber hinwegtäuschen. Du gehörst nicht in diesen traumhaft schönen Garten. Aber ich möchte keinen traumhaft schönen Garten. Ich möchte Wegerich. Ich möchte all die Pflanzen, die du wegnehmen möchtest. Ich möchte sehen, wie etwas wächst, weil es dort nur wachsen will. In mir, in dir, zwischen uns.
Die Knospe aus meiner Vulva, die du gerade schuldlos, schutzlos niedergetreten hast. Du kannst sie gar nicht gesehen haben. Du schaust woanders hin. Es gibt viel zu sehen. Und mein Herz pocht lauter in dem Moment, als die Knospe fällt, und dein Sperma kräuselt sich zu einem dünnen Film, der meine Haut zusammenzieht.
Der Titel Le cri de Merlin geht auf C. G. Jung zurück, der in der sagenhaften Gestalt Merlins eine Verbindung zur unbewussten, noch unerlösten Natur des Menschen sah. Sein Ruf aus dem Wald bleibt unverstanden – wie eine Stimme aus einer Welt, die wir wahrnehmen, ohne sie ganz begreifen zu können.
Bilder haben die Fähigkeit, unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander bestehen zu lassen. Farbe kann selbst zum Träger einer Wirklichkeit werden.
Eine Reise durch das Haus C. G. Jungs in Küsnacht und den Turm von Bollingen. Über Symbole, das Unbewusste und die Verwandlung – und über ihre Bedeutung für meine künstlerische Arbeit.
Ich folge meiner Intuition, entwickle Figuren und gebe der Selbsttätigkeit der Farbe Raum. Was entsteht aus meinem Willen, was aus Willkür, was aus Intuition? Figuren tauchen auf, manchmal vertraut, als wären es Archetypen.
Journal
Verwandlungen
Einige Aquarelle sind thematisch mit Le cri de Merlin verbunden.
Zeichnungen
Mich interessiert die Unmittelbarkeit der Zeichnung. Eine Linie hält eine Bewegung fest, aus wenigen Strichen entsteht eine Gestalt, die sich im nächsten Augenblick wieder verändern kann.
Ich zeichne auf unterschiedlichen, oft bereits benutzten Papieren, darunter auf alten Seiten aus Blindenschriftbüchern. Die eingeprägten Punkte tragen eine Sprache, die für diejenigen, die sie nicht gelernt haben, unlesbar bleibt.
Aber wie ist das mit einer Zeichnung? Warum glauben wir, sie unmittelbar verstehen zu können? Erkennen wir nur, was wir bereits kennen? Und was sehen wir, wenn wir aufhören, einer Zeichnung sofort eine Bedeutung zu geben?
Journal
Tell Me About Love
Die Zeichnungen und mein Text sind im Künstlerbuch „Tell Me About Love“ versammelt.
1986 gründete ich während meines Malereistudiums bei Georg Baselitz an der UdK Berlin gemeinsam mit dem französischen Schauspieler Jean-Marie Boivin das Theater Artaud.
Wir waren eine jener seltsamen Pflanzen, die in der von einer Mauer umgebenen Westzone Berlins gedeihen konnten. Mit aggressiver Kraft wuchs eine Theatergruppe heran, die sich auf eigentümliche Weise mit Antonin Artauds Sprache verschwisterte.
Aus seinen Schreien schufen wir Kompositionen aus Licht, Stimme, Körper und Klang. Aus seiner dünnen, zerbrechlichen Haut versuchten wir das atemberaubend Schöne herauszulösen: die Sehnsucht nach Leben und die Fähigkeit, unser Herz zu verschenken. In zarter Theatralik sagten wir Ja zum Absurden.
Theater Artaud, 1988 · Fotografie: Amin El Dib (Zuordnung bitte prüfen)Theater Artaud, 1988 – mit dem Rad · Fotografie: Amin El Dib (Zuordnung bitte prüfen)
Mit dem Mauerfall veränderte sich für mich alles. Plötzlich schien Theater auf einer Bühne überflüssig geworden zu sein. Das Leben spielte sich auf der Straße ab und musste sich neu zusammenfinden.
Ich wandte mich der Philosophie zu, arbeitete später als Assistentin und Zeichnerin an verschiedenen Theatern, lernte unterschiedliche Regiehandschriften kennen und begann, eigene Stücke zu schreiben und zu inszenieren.
2011 begleitete ich meinen Partner nach Islamabad in Pakistan und blieb dort bis 2015. Diese Jahre bedeuteten eine Entfernung von meiner bisherigen Theaterarbeit. Ich begegnete einer anderen Kultur, anderen gesellschaftlichen Wirklichkeiten und Formen des Zusammenlebens. Die vertrauten Vorstellungen von Kunst und Theater rückten in die Ferne.
Nach meiner Rückkehr begann ich, mich intensiv mit C. G. Jung und seinem Roten Buch zu beschäftigen. In der Dramatherapie entdeckte ich die psychologische Bedeutung des Theaters und seine Fähigkeit, innere Erfahrungen in körperliche Handlungen zu verwandeln. Später führte mich die Arbeit mit Alberto Villoldo zu schamanischen Praktiken und zur Auseinandersetzung mit dem kollektiven Unbewussten und den Erfahrungen unserer Vorfahren.
„Fliegender Holländer“, Deutsche Oper Berlin, 2017
Es entstand der Wunsch, unsere Entwicklung noch einmal Revue passieren zu lassen. Was haben wir hinzugewonnen? Haben sich unsere wissenschaftlichen, geistigen, menschlichen und spirituellen Möglichkeiten tatsächlich miteinander verbunden?
Ich denke an die Mysterien von Ephesus, an Prozessionen, Tänze um ein Feuer, religiöse Gesänge. Ich denke an Peter Brook, Joseph Beuys, Christoph Schlingensief und Pina Bausch.
Was kann Theater sein? Was muss Theater wollen? Welche außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt es, die keine andere Kunstform auf dieselbe Weise entfalten kann?
Theater kann in unser Leben eingreifen. Es kann Erfahrungen hervorbringen, die uns als Einzelne und als Gemeinschaft verändern. Es fordert unsere Integrität, unsere Vorstellungskraft, unsere Liebe und unser Weltverständnis.
Artaud-Mappe · Fotografien Amin El Dib, Text Susanne Husemann (2023): PDF-Datei noch nicht vorhanden.
Zeichenraum Artaud
Zeichnungen von Antonin Artaud und daraus entwickelte eigene Arbeiten. Eine Auswahl für den geplanten Bild-Text-Katalog „Die vom Auge befreite Hand“.
Zeichnungen
Theaterskizzen
Mich fasziniert an der Skizze die Möglichkeit, Bewegung festzuhalten. Ich verstehe das Skizzieren als einen Dialog zwischen den Künsten. Die Skizze begleitet den Probenprozess, in dem eine Szene immer wieder neu durchdacht, verändert und ausprobiert wird, und die Suche der Schauspieler nach ihrer Rolle.
Die Art und Weise, wie ein Regisseur mit den Schauspielern arbeitet, bestimmt wesentlich den Charakter meiner Zeichnungen. Peter Konwitschny (Mahagonny in Berlin, Götterdämmerung an der Oper Stuttgart) ist ein feinfühliger, humorvoller Regisseur. Entsprechend schwungvoll entstanden die Skizzen, anders als bei den Proben von Stephan Kimmig (Republik Vineta, Residenztheater München) und Mark Zurmühle (Klaras Verhältnisse, Residenztheater München).
Die Probenarbeiten von Andreas Kriegenburg (Leonce und Lena, Residenztheater München) und Roberto Ciulli waren reich an Ideen, Leichtigkeit und Präzision.
Jürgen Kruse (Der Sturm, Klassenfeind und Hamlet am Schauspielhaus Bochum) ist ein aggressiver, fantasievoller „Rolling-Stones-Regisseur“. Er erwartete von seinen Schauspielern, mit ihrer Aggression zu arbeiten und sie für ihren künstlerischen Ausdruck zu nutzen. Die Zeichnungen sind dementsprechend roh.
Die Probenarbeit bei George Tabori in seiner Inszenierung Der nackte Michelangelo an der Brechtbühne in Berlin war für mich eine wunderschöne Erfahrung. Mit seiner Altersweisheit und Erfahrung führte er die Schauspieler mit einer beinahe magischen Kraft. Ich hatte das Gefühl, die Skizzen entstanden wie von selbst. Ähnlich empfand ich das Zeichnen während Willy Deckers einfühlsamer Regiearbeit an Pelléas et Mélisande an der Hamburgischen Staatsoper.
Meine Affinität zur Bühne ergibt sich aus meinem eigenen Lebensweg. Parallel zu meinem Malereistudium an der Universität der Künste Berlin begann ich, eigene Theaterstücke und Performances aufzuführen. Später führte ich an verschiedenen Bühnen Regie, unter anderem am Residenztheater München.
Die Skizzen wurden auf unterschiedliche Weise präsentiert. Am Thalia Theater Hamburg hingen Hunderte von Zeichnungen entlang der Wände, knapp unterhalb der Decke. So entstand eine lange, lesbare Dokumentation der Probenarbeit. An der Oper Stuttgart (Der Ring des Nibelungen) und am Aalto-Theater Essen (Adolf Dresen / Peter Grimes) wurden die Zeichnungen in Programmheften veröffentlicht. Am Schauspielhaus Bochum waren sie im Rahmen einer Ausstellung zu sehen.
Ein Bild-Text-Katalog „Die vom Auge befreite Hand“ zu Theater Artaud sowie ein Katalog der Theaterskizzen sind in Vorbereitung.
Journal
Texte, Gespräche und Kataloge
Künstlerische Dialoge mit Gilles Deleuze, Georges Didi-Huberman und Maurice Merleau-Ponty. Dazu Kataloge, eigene Texte und Filme über meine Malerei.
Hier stehen Textanfänge, die zu den vollständigen Bild-Text-Katalogen führen.
Didi-Huberman zitiert in seinem Buch Was wir sehen, blickt uns an (Gespräch: Zuordnung noch offen) James Joyce, um später, oder gleich anschließend, die Geschichte des leeren Grabes Christi zu erzählen. Das leere Grab als Beweis des Lebendigen: Ich denke an die Madeleine von Proust, die Julian Barnes in seinem letzten Buch Abschied zu einer Butterstulle verwandelt, und ich denke vor allem an das kleine Gelb im Bild der Stadtlandschaft von Vermeer (Vermeer), und ich versuche, das alles irgendwie zusammenzubekommen.
Es hat damit zu tun, wie wir sehen und dass wir gelernt haben zu sehen. Was felsenfest in unser kollektives Bildgedächtnis eingraviert ist (Museum). Neue Vernetzungen, eingeschrieben im Gehirn, die das Chaos oder Nichtdenkbare als Bild festhalten können.
Und dann führt es mich alles zurück zu Deleuze. Er spricht von der notwendigen Katastrophe im Malakt, damit daraus etwas hervorgeht, „damit die Farbe aufsteigt“ (was meint Cézanne damit?) (Cézanne: weiterführender Beitrag noch offen).
Ich denke unmittelbar an die Falte. Was hat noch mal Leibniz darüber geschrieben? Wie weit denke ich, wenn ich male, oder sehe ich einfach nur? Kartographie des Denkens (Museum).
Und ich bin ganz sicher, dass Deleuze recht hat, wenn er schreibt, dass erst die Begegnung mit einem Zeichen uns zum Denken zwingt. Es ist etwas, das uns trifft, das wir nicht einordnen können, das sich unserem gewohnten Denken entzieht. Etwas, das uns zwingt, anders zu sehen, anders zu denken. Vielleicht ist es genau das, was Kunst vermag. KUNST ALS SCHOCK (Artaud-Zeichnungen).
Ich habe schon mit zwölf Jahren begonnen zu malen, im Atelier meiner Mutter. Immer waren es Menschen, die mich interessiert haben zu malen, bis heute (Aquarelle).
Mich interessiert bei Vermeer der Raum, in den du hineingehst, sein Bildraum als ein Malort, um zu malen. Was passiert an diesem Ort?
Oder gehe ich gleich ins Museum? Was passiert da mit den Bildern? Sind sie stumm geworden, damit andere über sie sprechen dürfen? Warum sprechen sie nicht mehr direkt zu uns? Haben wir den Sinn verloren oder müssen wir erst ihre Geschichte verstehen?
Kunst „denkt“ mit Falten: Sie entwirft Räume, die sich nicht totalisieren lassen, die sich verselbstständigen, die das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verknüpfen.
ARTAUD
Vor über dreißig Jahren begann mein Interesse an Antonin Artaud. Damals gründete ich mit Jean-Marie Boivin das Theater Artaud. Mich faszinierten seine poetische Kraft und seine Liebe zum Numinosen, seine Offenheit für das Unvorhersehbare. Raum, Licht, Musik und Geste wurden für uns zur Sprache.
Die vier ausgestellten Bilder gehen von seinen sehr persönlichen Zeichnungen aus, die während seiner Aufenthalte in Rodez und später in Ivry entstanden. Mich beschäftigt, wie die Hand dem Auge sein Vorrecht streitig macht, wie der Impuls entscheidet. Malend versuche ich, einen Zugang zu Artauds Erfahrungswelt zu finden, seinen Gefühlsraum begehbar zu machen. Eine Annäherung an etwas, das sich zugleich entzieht – so eigen und privat wie der persönliche Stil.
Die Faszination bleibt: in einen Abgrund zu schauen, dessen Tiefe wir nicht erahnen können.
Kunstbuch zum Blättern
Die vorhandene blätterbare Buchfassung wird hier eingebunden, sobald die passende Datei zugeordnet ist.